Samstag, 16. Dezember 2017

Die Ökobilanz

Elternversammlungen gehören zu den Veranstaltungen, die ich nicht vermissen werde, wenn meine Kinder groß sind. Aber noch sind die Kids in der 8. bzw. 1.Klasse, der Spaß wird mir also noch eine Weile erhalten bleiben... Und dafür sorgen, dass der Frust ab und an hier entladen werden muss...

Normalerweise gehe ich zu diesen Versammlungen nur hin, setze mich in eine Ecke, lausche andächtig, mache Notizen, die für ein eher lustiges Protokoll sorgen würden, wenn man mich mit dem Schreiben des Protokolls betrauen würde  und manchmal wundere ich mich. Auf der Grundschule der Großen wunderte ich mich oft sehr, die Grundschule beim Kleinen geht (bisher?) so halbwegs. Auf dem Gymnasium der großen geht es jetzt eigentlich auch,  abgesehen  von gelegentlichen eigenartigen Kommentaren mancher Elternwie diesem:
"Es fällt so oft Unterricht aus. Vor allem Latein. Mein Kind ist darüber SEHR TRAURIG und es LIEBT Latein!!"
WTF?!! Wer bitte war als Schüler jemals traurig über Ausfall? In welchem Paralleluniversum bin ich früher zur Schule gegangen? Wir haben uns gefreut. Unsere Eltern wohl nicht. Wobei, doch, mein Vater fand immer schön, wenn man mehr Freizeit hatte und hat sich für mich gefreut ;-). Und die Beliebtheit von Latein war mir bisher auch nicht so bewusst...

Seit dem Herbst gibt es in der Klasse nur noch ein Thema: Klassenfahrt. Denn da sei man immer benachteiligt worden. Andere Klassen würden viel mehr Klassenfahrten machen. Diese Klasse habe seit der 5. Klasse nur zwei Fahrten gemacht. Eine in der 6.Klasse, eine in der 7. Klasse. Die erste nicht mal weit weg. Die zweite auch nur innerhalb Deutschlandss. Nun gab es nicht mal eine Skifahrt, da diese doch sehr teuer war und nicht auf volle Zustimmung stieß.  Da MUSS nun eine Fahrt im Sommer sein. MUSS. Manche Eltern kämpfen wie Löwen, damit sie eine Woche ihre Ruhe haben ihre Kinder eine Woche wegfahren können.

Ich muss gestehen, dass mich diese Aufregung etwas nervt. Ich selbst war zu meiner Schulzeit kein Fan von Klassenfahrten war und bei einer auch mal freiwillig daheim geblieben bin wegen "kein Bock den ganzen Tag mit diesen Leuten zu verbringen".  Meine Tochter ist da ähnlich gestrickt. Sie möchte zwar mitfahren, aber wenn es keine Fahrt gibt, ist es auch egal und wohin ist ebenfalls egal. Hauptsache keine nervigen Leute im Zimmer.

Warum auch immer, war man nun der Meinung, dass es dem "Selbstständig-Werden" der 12-14 Jahre alten Schüler dient, wenn sie alles selbst organisieren. Ok. Kann man so sehen. Ein wenig Moderation wäre vielleicht doch nötig gewesen. Denn heraus kam:  mehrere tausend (!!) Nachrichten in einer Whatsapp-Gruppe. Erbitterte Diskussionen in jeder Pause in der Schule. Vorschläge von 5 Sterne in Antalya über AIDA Kreuzfahrt bis Wellness-Urlaub. Hauptsache chillen. Bloß keine Kultur. Der Klassenlehrer  hat gelegentlich ein Veto eingelegt und dezent darauf verwiesen, dass Klassenfahrten sicher nicht in 5 Sterne- Hotels gehen. Oder auf die AIDA.

Irgendwann stand das Angebot, über das nun ganz fix abgestimmt werden sollte. Sie wollten so weit weg wie möglich, so billig wie möglich. Immerhin wurde es nicht Lloret de Mar.  5 Tage weg. Davon 2 Tage/Nächte für Ab-und Anreise, denn die Busfahrt sollte 16 Stunden dauern. Schaute man sich An-und Abfahrtzeiten und Checkin-/out-Zeiten der Unterkunft an, wären sie im Endeffekt ziemlich genau 70 Stunden vor Ort gewesen. 1300 km pro Strecke fahren und dann so kurz vor Ort?  Bedenkt man, dass man auch auf Klassenfahrten ab und an schläft, bleibt da wenig Zeit. Weder zum Chillen noch für ein wenig Programm, dass das Ziel hergegeben hätte (und worauf die mitreisenden Lehrer auch bestehen).

Ich fragte mal ganz vorsichtig, ob es in Zeiten günstiger Flüge nicht zumindest überlegenswert wäre, sich zu erkundigen, was der Spaß mit Flug kostet. Denn dann wäre mehr Zeit vor Ort und eben keine insgesamt 32 Stunden Bus. Und ich holte in Absprache solch ein Angebot bei einem großen Anbieter ein. Heraus kam, dass man dieses Ziel mit einen Tag mehr vor Ort, in einem besseren Hotel und mit Flug (und das nicht mit Ryanair) für ganze 20 Euro mehr haben kann. Die meisten Stimmen gingen in Richtung "klingt gut!".

Aber natürlich muss immer jemand dagegen sein. Und so kam, so weit weg vom Prenzlauer Berg ein:
"Nein, das lehne ich ab. Wegen der Ökobilanz."

Da auch 10 Eltern eine ewige Busfahrt ablehnen, muss nun alles neu geplant werden. Jede Elternstimme zählte und so waren lange Busfahrten und Flug raus. Das gewählte Ziel ist nicht mehr erreichbar, wenn man weder fliegen noch ewig fahren will. Die Zeit drängt, das allermeiste ist ausgebucht.

Brandenburg soll ja auch ganz schön sein. Man könnte mit dem Fahrrad fahren und zelten. Perfekt für die Ökobilanz.


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